Was bedeutet es für mehrsprachig aufwachsende Kinder, Deutsch zu lernen?
Sprache, Bildung, Mehrsprachigkeit
Sprache ist der Schlüssel zu Bildung, gesellschaftlicher Teilhabe und persönlicher Identität. In heutigen Klassenzimmern bringen Kinder eine große sprachliche Vielfalt mit – viele wachsen mehrsprachig auf, sprechen zu Hause eine andere Sprache als in der Schule oder bewegen sich selbstverständlich zwischen mehreren Sprachsystemen. Diese Mehrsprachigkeit ist eine wertvolle Ressource für Lernen, Denken und interkulturelles Verständnis 1Chilla, S., & Niebuhr-Siebert, S. (2017). <em>Mehrsprachigkeit in der KiTa.</em> 2Gogolin, I., & Krüger-Potratz, M. (2020). <em>Einführung in die Interkulturelle Pädagogik.</em>.
Mehrsprachigkeit verstehen
Mehrsprachigkeit bedeutet mehr als das Beherrschen mehrerer Sprachen. Sie beschreibt die Fähigkeit, Sprachen situations- und kontextbezogen zu nutzen. Das Beherrschen verschiedener Sprachen bietet dabei zahlreiche Vorteile – es erweitert kommunikative, kognitive und kulturelle Kompetenzen und stellt eine wertvolle Ressource für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe dar.
Sprache als Schlüssel zur Bildung
Der Bildungserfolg von Kindern hängt wesentlich davon ab, wie sicher sie sich in der Bildungssprache Deutsch bewegen können. Sie unterscheidet sich deutlich von der Alltagssprache:
Sie ist präziser, komplexer und stärker auf Abstraktion und Fachlichkeit ausgerichtet 3Gogolin, I., & Krüger-Potratz, M. (2020). <em>Einführung in die Interkulturelle Pädagogik.</em>4Wildemann, A., & Merkert, A. (2020). <em>Bildungssprache in der Schule fördern.</em>. Kinder müssen daher lernen, ihre Gedanken in vollständigen, strukturierten und sachlich präzisen Sätzen auszudrücken. Lehrkräfte können diesen Prozess gezielt unterstützen.
Zentrale Merkmale der Bildungssprache sind:
- komplexe Satzstrukturen und Konnektoren (z. B. „obwohl“, „während“, „daher“),
- fachsprachlicher Wortschatz,
- präzise Formulierungen,
- Text- und Argumentationsstrukturen.
Fehlende Kompetenz in der Bildungssprache gelten heute als ein entscheidender Risikofaktor für den Bildungserfolg – insbesondere bei sozial benachteiligten oder mehrsprachig aufwachsenden Kindern 5Heppt, B., et al. (2016). <em>Mehrsprachigkeit und Bildungserfolg.</em> Beltz Juventa.6Gogolin, I., & Lange, I. (2011). Bildungssprache und Bildungserfolg. <em>Zeitschrift für Pädagogik, 57</em>(4), 563–575..
Typische sprachliche „Stolpersteine“
Das Deutsche weist einige Besonderheiten auf, die Lernende – gleich welcher Herkunft – vor Herausforderungen stellen können. Häufige „Stolpersteine“ sind z.B.:
Artikelgebrauch und Genus
Wortstellung im Satz
Präpositionen und Kasus
Trennbare Verben
Wortbedeutungen und Redewendungen
Kinder leiten aus ihnen bekannten Mustern aller Sprachen, die ihnen zur Verfügung stehen, neue Strukturen ab – sogenannte Übergeneralisierungen, die ein Hinweis auf den aktiven Lernprozess geben 7Rösch, H. (2005). <em>Grammatikunterricht und Sprachbewusstheit.</em> Schneider Verlag Hohengehren..
Sprachliche Bildung ist keine Zusatzaufgabe, sondern eine Querschnittsaufgabe aller Fächer 8Festman, J. (2022). <em>Sprachförderung im Kontext schulischer Mehrsprachigkeit.</em> In: MSB NRW (Hrsg.).9Knapp, W., & Oomen-Welke, I. (2017). <em>Sprachförderung und Sprachbildung in der Schule.</em>. Sie gelingt, wenn Unterricht sprachliche Lerngelegenheiten schafft und die Kinder aktiv mit Sprache handeln lässt.
Wichtige Prinzipien sind z.B.:
- Scaffolding: Unterstützung durch sprachliche Gerüste, die schrittweise eigenständiges Formulieren ermöglichen.
- Visualisierung: Nutzung von Bildern, Symbolen oder Handzeichen zur Verständnissicherung.
- Fehler- und Fragekultur: Fehler als Lernchancen verstehen; Kinder sollen Fragen stellen dürfen.
- Mehrsprachigkeit wertschätzen: Herkunfts- bzw. Familiensprachen aktiv einbeziehen.
- Sprachliche Vorbilder: Lehrkräfte gestalten Sprache bewusst – klar, korrekt und wertschätzend.
So entsteht ein Unterricht, der Zugänge schafft, Sprachbewusstsein fördert und Kinder ermutigt, Sprache als Werkzeug des Lernens zu begreifen.
Vertiefende Informationen, konkrete Methoden und Materialien finden Sie im Praxispaket Mehrsprachigkeit (PPM):
Wie verläuft der Spracherwerb bei Mehrsprachigkeit?
Mehrsprachigkeit als Ressource im Unterricht
Mehrsprachigkeit ist eine wertvolle Ressource, die viele Kinder in den Unterricht mitbringen. Sie eröffnet Chancen für Bildung, Identität und kulturelle Teilhabe – bringt aber auch besondere Anforderungen mit sich. Der Spracherwerb mehrsprachiger Kinder verläuft anders als der einsprachiger Kinder, da er von einer Vielzahl sozialer, emotionaler und institutioneller Faktoren beeinflusst wird 10Oomen-Welke, I. (2023). Frühkindlicher Spracherwerb ein- und mehrsprachig. In <em>Grundlagen der sprachlichen Bildung</em> (Bd. 10, S. 83–103). Waxmann. https://doi.org/10.25656/01:3200011Czinglar, C., Korecky-Kröll, K., Uzunkaya-Sharma, K., & Dressler, W. U. (2015). <em>Wie beeinflusst der sozioökonomische Status den Erwerb der Erst- und Zweitsprache?</em> In A. Ziegler & K.-M. Köpcke (Hrsg.), <em>Deutsche Grammatik in Kontakt</em> (S. 207–240). De Gruyter..
Wie Kinder mehrere Sprachen erwerben
- Simultaner Erwerb: Kinder wachsen von Geburt an mit zwei oder mehr Sprachen auf – etwa, wenn Eltern unterschiedliche Herkunfts- bzw. Familiensprachen sprechen 12Wanka, R. (2021). <em></em> Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.13Siebert-Ott, G. (2017). Spracherwerb: Ein- und mehrsprachig. In M. Becker-Mrotzek & H.-J. Roth (Hrsg.), <em>Sprachliche Bildung – Grundlagen und Handlungsfelder</em> (S. 159–174). Waxmann..
- Sukzessiver Erwerb: Eine zweite Sprache wird nach dem ersten bis dritten Lebensjahr erlernt, wenn die Erstsprache bereits gefestigt ist 14Wanka, R. (2021). <em></em> Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.15Siebert-Ott, G. (2017). Spracherwerb: Ein- und mehrsprachig. In M. Becker-Mrotzek & H.-J. Roth (Hrsg.), <em>Sprachliche Bildung – Grundlagen und Handlungsfelder</em> (S. 159–174). Waxmann..
Ab dem vierten Lebensjahr können Kinder in einer zweiten oder dritten Sprache durch intensiven Kontakt sogar ein muttersprachliches Niveau erreichen 16Tracy, R. (2008). <em>Wie Kinder Sprache lernen: Und wie wir sie dabei unterstützen können.</em>. Entscheidend sind dabei die Dauer, Qualität und Quantität des Sprachkontakts sowie die emotionale Sicherheit und Motivation des Kindes 17Chilla, S., & Niebuhr-Siebert, S. (2017). <em>Mehrsprachigkeit in der KiTa. Grundlagen – Konzepte – Bildung.</em>.
Typische Erscheinungen im mehrspachigen Spracherwerb
Mehrsprachige Kinder entwickeln ihre Sprachen oft ungleich. In der Herkunfts- bzw. Familiensprache fühlen sie sich häufig sicherer als in der Bildungssprache Deutsch. Sprachmischungen (Code-Switching) sind dabei keine Fehler, sondern Ausdruck sprachlicher Flexibilität und ein normaler Entwicklungsschritt18Kühne, N. (2003). <em>Wie Kinder Sprache lernen. Grundlagen – Strategien – Bildungschancen.</em> Wissenschaftliche Buchgesellschaft.19Meisel, J. M. (2007). Mehrsprachigkeit in der frühen Kindheit: Zur Rolle des Alters bei Erwerbsbeginn. In T. Anstatt (Hrsg.), <em>Mehrsprachigkeit bei Kindern und Erwachsenen</em> (S. 93–113). Narr Francke Attempto.. Kinder nutzen zudem kreative Strategien, um sprachliche Lücken zu überbrücken – etwa Gestik, Umschreibungen oder Kontextwissen. Diese Strategien zeigen sprachliche Kompetenz und sollten als solche anerkannt werden 20Mayer, A. (2022). <em>Gezielte Förderung bei Lese- und Rechtschreibstörungen</em> (4. Aufl.). Ernst Reinhardt Verlag..
Verzögerung oder Sprachstörung?
Unterschiede im Wortschatz oder in der Grammatik sind bei mehrsprachigen Kindern häufig normale Entwicklungsphasen und kein Hinweis auf eine Störung 21Mayer, A. (2022). <em>Gezielte Förderung bei Lese- und Rechtschreibstörungen</em> (4. Aufl.). Ernst Reinhardt Verlag.. Echte Sprachentwicklungsstörungen zeigen sich in allen Sprachen, nicht nur in der Zweitsprache 22Mayer, A. (2022). <em>Gezielte Förderung bei Lese- und Rechtschreibstörungen</em> (4. Aufl.). Ernst Reinhardt Verlag.. Standardisierte Tests auf Basis einsprachiger Normen bergen daher das Risiko von Fehldiagnosen. Eine genaue, mehrsprachig ausgerichtete Diagnostik ist notwendig 23Apeltauer, E. (2017). <em>Wortschatzentwicklung und Wortschatzarbeit.</em> In B. Ahrenholz & I. Oomen-Welke (Hrsg.), <em>Deutsch als Zweitsprache</em> (4. Aufl., S. 306–326). Schneider Verlag Hohengehren.24Montanari, E. (2010). <em>Kindliche Mehrsprachigkeit: Determination und Genus.</em>.
Bedeutung für den Unterricht
Mehrsprachigkeit ist eine Stärke. Sie erfordert eine sensible, differenzierte Begleitung, eröffnet aber zugleich große Potenziale für schulisches Lernen, soziale Integration und persönliche Entwicklung.
Sprachstand erkennen
Komplexität sprachlicher Äußerungen
Ganzheitlich bewerten
Sprachen wertschätzen
Positive Fehlerkultur leben
Vertiefende Informationen, konkrete Methoden und Materialien finden Sie im Praxispaket Mehrsprachigkeit (PPM):
Was hast du, was ich nicht habe?
Sprachensteckbriefe – Vielfalt verstehen, Bildung fördern
Kinder wachsen heute in einer sprachlich vielfältigen Welt auf. Viele von ihnen erwerben mehr als eine Sprache – in der Familie, im Freundeskreis oder im Bildungskontext. Mehrsprachigkeit ist dabei eine wertvolle Ressource. Die begleitenden Sprachensteckbriefe bieten Ihnen Hintergrundwissen in Form eines kompakten Überblicks zu den wichtigsten Herkunfts- bzw. Familiensprachen Ihrer Schülerinnen und Schüler.
Sie helfen, sprachliche Strukturen zu verstehen, mögliche Lernbesonderheiten zu erkennen und Mehrsprachigkeit gezielt als Stärke in den Unterricht einzubinden. Darüber hinaus eignen sie sich hervorragend, um Sprachvergleiche anzuregen – eine Methode, die das Bewusstsein für sprachliche Strukturen fördert und den Transfer zwischen den Sprachen unterstützt.
Vertiefende Informationen finden Sie im Praxispaket Mehrsprachigkeit (PPM)
Quellen